DER STANDARD
Dienstag, 16. Jänner 2001, Seite 9
                                                              Chronik
 
 

                                   WIEN

                   8074 Hektar Urwald in Österreich
 

                              Christoph Prantner
 

     Wien - "Das ist ja keine fixe Idee von irgendwelchen Forstspinnern", sagt Gerfried
     Koch. Es gebe internationale Verpflichtungen. Unter anderem die Alpenkonvention
     schreibe der Republik Österreich vor, einen fein ausgemessenen, katalogisierten und
     beforschten "Urwald" zu haben. Immerhin 8074 Hektar sind es derzeit genau.

     "Seit 1995 gibt es das österreichische Naturwaldreservate-Programm", erklärt
     Urwaldforscher Koch. Seither habe ein vierköpfiges Team der Wiener
     Bundesforstlichen Versuchsanstalt insgesamt 172 Reservate in das Programm
     aufgenommen. "In der Praxis heißt das: Wir versuchen, für uns interessante Flächen
     von Forstbesitzern auf 20 Jahre zu pachten, und beforschen diese dann intensiv."

     Den Besitzern der Areale (sie reichen von ein bis zu 950 Hektar großen Flächen) wird
     ihre Bereitschaft finanziell vergolten. Dafür dürfen sie in der Pachtzeit keinerlei Eingriffe
     mehr in ihrem Wald vornehmen. Koch: "Fällt ein Baum um, bleibt er liegen. Kommt
     eine Lawine herunter, wird der Schaden nicht behoben." Der einzige menschliche
     Eingriff sei die Jagd - aber die sei bei den großen Wildbeständen in Mitteleuropa auch
     in einem "Urwald" notwendig.

     Die bisher erarbeiteten Forschungsergebnisse geben nicht nur Aufschluss über die
     Biodiversität im Naturraum Urwald, sie bringen durchaus auch einen ökonomischen
     Nutzen. So lassen sich etwa in den Naturwaldreservaten Daten zur natürlichen
     Verjüngung des Forstes sammeln, die das Ausmaß des Managements in
     Wirtschaftswäldern beeinflussen können.

     Ziel des Programms ist ein über ganz Österreich gespanntes repräsentatives Netz von
     Naturwaldreservaten. Alle Waldtypen sollen in ihrem ursprünglichen Zustand erfasst
     werden. "Im Idealfall ergäbe das rund 300 Reservate", rechnet Gerfried Koch vor. Das
     bedeute aber nicht, dass auch alle gesuchten Waldtypen gefunden werden. "Au-,
     Schlucht-, Edellaub- oder Eichenwälder - das sind schon die schwierigen G'schichten."

     Deswegen wird im Landwirtschaftsministerium gegenwärtig die Zukunft des
     Programms beraten. Der Ausgang ist ungewiss. Nur eins ist laut Koch sicher:
     "Urwaldforschung braucht Zeit."
 

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